Schadet oder nützt mehr Tierwohl
der Umwelt?
Dr. ing. agr. ETH Andreas Bosshard und Veronica Buchmann, Ö+L GmbH
Ö+L GmbH hat im Auftrag des STS eine Übersicht über die Auswirkungen des Tierwohls auf die Umwelt und weitere Nachhaltigkeitsparameter erstellt. Die Grundlage dafür bildete das Nachhaltigkeitstool 3V und die im Rahmen des Projektes 3V gesichtete Literatur. Die Analyse zeigt: Mehr Tierwohl führt in den meisten Fällen zu erheblich mehr Umweltschutz.
Den Fünfer und das Weggli gibt es in der Regel nicht. Entweder oder – du musst dich im Leben entscheiden. Dieses Prinzip haben sich Generationen von Schweizer Kindern verinnerlicht – und es offensichtlich ein Leben lang nicht vergessen. So meinen wir als Erwachsene das Weggli-Prinzip oft auch dort zu erkennen, wo es gar nicht existiert. Ein solches Beispiel ist das Tierwohl.
Immer wieder wird nämlich behauptet, mehr Tierwohl schade der Umwelt. Die landwirtschaftlichen Zeitungen bringen diese Behauptung in regelmässigen Abständen, und auch in der Agrarpolitik wird das gutschweizerische Fünfer-oder-Weggli-Prinzip von einigen fleissig genutzt, um das Tierwohl gegen den Umweltschutz auszuspielen. Konkret ging es in letzter Zeit vor allem um die Behauptung, mehr Tierwohl führe unweigerlich zu mehr Emissionen des Umweltgiftes Ammoniak und schade deshalb der Umwelt. Dass man seit Jahrzehnten der gesetzlich verankerten Halbierung der Ammoniakemissionen in der Schweizer Landwirtschaft keinen Schritt näher kommt, hänge halt mit den immer höheren Tierwohlstandards in der Schweiz zusammen, wird dann kurzerhand behauptet. Eben: Den Fünfer und das Weggli gehe halt nicht.
Viel mehr Synergien als Trade-offs
Ö+L GmbH hat auf der Basis von Resultaten aus dem 3V-Projekt (s. Kästchen) eine Übersicht erstellt, in welchen Bereichen mehr Tierwohl der Umwelt schadet (Zielkonflikte bzw. Trade-offs), wo Tierwohl der Umwelt nützt (Synergien), und wo kein Zusammenhang besteht (neutral, vgl. Abbildung). Fazit: In der Beziehung zwischen Tierwohl und Umwelt gilt das Fünfer-oder-Weggli-Prinzip nicht. Im Gegenteil: Je mehr Tierwohl, desto positiver wirkt sich dies in der Regel auf die Umwelt aus. Anders gesagt: Die meisten Massnahmen für mehr Tierwohl nützen zugleich auch der Umwelt. Nur in wenigen, untergeordnet wichtigen Bereichen führt mehr Tierwohl zu einer höheren Umweltbelastung. Und dies auch nur, solange keine flankierenden Massnahmen ergriffen werden. Das heisst, selbst in den wenigen Bereichen, wo es Spannungsfelder zwischen Tierwohl und Umweltaspekten gibt, sind wir diesen nicht einfach ausgeliefert, sondern können sie zu einer Win-Win-Situation umkehren.
Einige Resultate im Detail
Untersucht und bewertet wurden die Wirkungen von 8 wichtigen Tierwohlmassnahmen auf 12 Nachhaltigkeitsaspekte, wovon 8 Umweltaspekte waren. Von den insgesamt 96 Wirkungspaaren wiesen 33 einen deutlich oder zumindest tendenziell positiven Zusammenhang auf, während lediglich 12 einen leicht negativen Wirkzusammenhang zeigten – zumindest wenn keine flankierenden Massnahmen getroffen werden. Unter Berücksichtigung der Stärke der Wirkung waren 89 % der Wirkungszusammenhänge zwischen Tierwohl und Umwelt/Nachhaltigkeit positiv, lediglich 11 % negativ (Link zur Tabelle).
Weidehaltung: besonders viele positive Effekte
Ein Beispiel eines solchen Zusammenhangs ist die Weidehaltung. Weidehaltung ist nicht nur für das Tierwohl eine der wirkungsvollsten positiven Massnahmen, sie ist zugleich mit zahlreichen positiven Umwelteffekten verbunden. So führt Weidehaltung zu stark verminderten Emissionen des Umweltgiftes Ammoniak. (vgl. Studie vom HAFL im Auftrag von STS, IP-Suisse und MutterkuhSchweiz.)
Weidehaltung vermindert auch den Energieverbrauch und damit die CO2-Emissionen des Betriebes, weil die Tiere ihr Futter selber holen, statt dass es mit Maschinen aufwändig geerntet, getrocknet oder eingewickelt, mit Futteraufbereitern gemischt etc. werden muss. Diese Einsparungen verbessern zugleich auch die Wirtschaftlichkeit und die Produktivität massgeblich, wie viele Untersuchungen zeigen konnten.
Weidehaltung ist zugleich ein wichtiger Beitrag zur Förderung der Biodiversität auf dem Betrieb, insbesondere wenn die Weide gut strukturiert wird zum Beispiel mit Bäumen, die für das Tierwohl als Schattenspender wichtig sind. Und sogar die hinterlassenen Kuhfladen leisten einen bisher oft unterschätzten Beitrag an die Biodiversität, denn die zahlreichen darauf lebenden Insekten sind eine wichtige Nahrungsbasis für unzählige weitere Tierarten.
Negative Wirkungen weitgehend vermeidbar
Dies sind nur die wichtigsten positiven Effekte. Es gibt allerdings auch einige negative Umweltwirkungen der Weidehaltung. Sie fallen aber im Vergleich zu den positiven Umweltwirkungen nur sehr geringfügig ins Gewicht. So kann die Bodenfruchtbarkeit lokal aufgrund von Bodenverdichtungen beeinträchtigt werden, wenn die Tiere immer am gleichen Ort durchgehen oder stehen. Oder die Stickstoffeffizienz kann bei vermehrter Futteraufnahme auf der Weide sinken, weil an Harnstellen eine punktuelle Sticktoff-Überdüngung stattfindet. Doch gegen alle negativen Effekte sind wirksame Gegenmassnahmen möglich, so dass bei optimaler Weideführung und Betriebsgestaltung praktisch nur positive Effekte der vermehrten Weidehaltung übrig bleiben.
Ein anderes Beispiel ist der Einsatz von Tiermedizin. Eine tiergerechte Haltung führt nachgewiesenermassen zu einem stark reduzierten Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika. Antibiotika, aber auch andere Medikamente, gelangen über den Hofdünger auf Wiesen, Weiden und in Äcker und beeinträchtigen dort auf vielfältige Weise die Mikrofauna, die Mikroflora, aber auch die Entwicklung von Insekten. So führt beispielsweise der Einsatz bestimmter Medikamente zu einer starken Reduktion der Fliegenfauna in Kuhfladen, die wiederum eine wichtige Nahrungsbasis für Vögel ist.
Schlussfolgerungen
Die Gesamtschau zeigt: Mehr Tierwohl bringt unter dem Strich vielfältige positive Wirkungen für die Umwelt. Und in vielen Fällen profitieren davon zugleich auch das bäuerliche Einkommen und die Lebensqualität auf den Höfen. Nehmen wir also den Fünfer und das Weggli und setzen uns politisch, als Konsumentinnen und Konsumenten sowie als Landwirtinnen und Landwirte ohne Wenn und Aber für mehr Tierwohl ein.
