Meinung & Debatte

Geliebt, gepflegt, aufgegessen – vom ambivalenten Umgang mit dem Tier

Dr. Christina Hartmann, Oberassistentin an der ETH Zürich, Gruppe Consumer Behavior

Einleitung

Menschen lieben Tiere, schaden ihnen aber trotzdem. Das sehr breite, noch junge Forschungsgebiet der Mensch-Tier-Interaktion versucht diese mitunter beiläufige Beziehung besser zu verstehen. Es untersucht beispielsweise unsere Einstellung zum Tier selbst, wieviel Solidarität wir ihm entgegenbringen, aber auch welcher Nutzung wir es zuführen und wie moralisch vertretbar wir diese finden. Im Folgenden werden einige grundlegende Mechanismen aufgegriffen, die unser Verhältnis zum Tier beeinflussen. Dabei soll ein Augenmerk auf Fleischkonsum gelegt werden, da Fleisch für die meisten Menschen ein unverzichtbarer Bestandteil der Ernährung ist, jedoch dessen Produktion sehr viel Tierleid hervorrufen kann.

Geliebter Hund, verachtetes (Industrie-)Schwein

Moralische Bedenken gegenüber Tieren werden stark durch unsere soziale und kulturelle Beziehung zu ihnen geprägt. In der westlichen Kultur wird beispielsweise der Hund als «Heimtier» und «Gefährte» kategorisiert, während das Schwein als «Nutztier» betrachtet wird. Wie menschenähnlich das Tier wahrgenommen wird, hat einen grossen Einfluss darauf, wie wir mit diesem Tier umgehen. Je mehr menschenähnliche Gefühle und geistige Fähigkeiten den Tieren zugeschrieben werden, desto eher haben Personen auch moralische Bedenken diese Tiere für Nahrungszwecke zu nutzen. Obwohl es keine fundamentalen Unterschiede in den emotionalen oder geistigen Fähigkeiten von Hund und Schwein gibt, fühlt sich der Mensch entsprechend eher moralisch verpflichtet, für das Wohlergehen von ersterem zu sorgen. Das geht so weit, dass beispielweise Teilnehmer einer Studie, die damit konfrontiert wurden, welcher Schaden Nutztieren in bestimmten Fleischmastsystemen zugefügt wird, die geistigen Fähigkeiten und Leidfähigkeit dieser Tiere in Frage stellten und aktiv herabsetzten. Dadurch erscheinen die Nutztiere dem Menschen weniger ähnlich und Bedenken bezüglich ihres Wohlergehens werden reduziert. In Folge fühlen sich Menschen auch besser in Bezug auf ihren Fleischkonsum und mögliche Gefühle von Unwohlsein werden vermindert. Diesen Prozess der Distanzierung kennt man auch von Mensch-Mensch-Interaktionen, wenn Täter ihre Opfer entmenschlichen. Das Verneinen von Leidfähigkeit und geistigen Fähigkeiten von Nutztieren wird gebraucht, um moralische Bedenken zu reduzieren.

Fleischkonsum: ein moralisches Dilemma

Mit dem neuen Forschungsgebiet der Mensch-Tier-Interaktion sollen die Beziehungen besser verstanden werden. (Foto: Adobe Stock)Viele Menschen wollen nicht, dass Tiere getötet werden und wollen weder Leid noch Schmerz verantworten. Trotzdem essen sie Fleisch. Diese Ambivalenz wird häufig als «Fleisch-Paradoxon» bezeichnet. Dementsprechend steht das Verhalten nicht im Einklang mit moralischen Überzeugungen und kann negative Emotionen hervorrufen. Während einige Menschen ihren Fleischkonsum reduzieren, um dem psychologischen Unbehagen (d. h. der kognitiven Dissonanz) entgegenzuwirken, behalten andere ihr Verhalten bei, lösen sich aber (unbewusst) von ihren moralischen Grundsätzen. Diese Loslösung von moralischen Grundsätzen wird von einer Reihe unterschiedlicher Rechtfertigungsstrategien begleitet. Das bereits angesprochene Absprechen von Leidfähigkeit der Nutztiere stellt eine solche Rechtfertigungsstrategie dar. Weitere sind eine Entkopplung zwischen Tier und Fleisch auf dem Teller oder die Verdrängung von negativen Informationen über Tierhaltung und Schlachtung. So kann das Essverhalten weiterhin praktiziert werden, ohne widersprüchlich zu handeln. Durch die Rechtfertigungsstrategien fühlen sich Menschen trotz Fleischkonsum gut. Personen meiden mitunter Informationen zur Fleischproduktion oder intensivieren die Rechtfertigungsstrategien als Reaktion auf solche Informationen. Deshalb ist es unwahrscheinlicher, dass Personen, die einige dieser Rechtfertigungsstrategien nutzen, ihr moralisches Dilemma durch den Konsum tierfreundlicher Produkte lösen.

Ethisch fleischessende Personen

Mit dem neuen Forschungsgebiet der Mensch-Tier-Interaktion sollen die Beziehungen besser verstanden werden. (Foto: Adobe Stock)sIn den letzten Jahren hat das Thema bewusster und moralisch vertretbarer Konsum an Bedeutung gewonnen. Im Zuge dessen sollen ethische Überlegungen den Kaufentscheid prägen. Vor allem Fleisch steht in der Kritik, da seine Produktion ressourcenintensiv ist, ein zu hoher Konsum ungesund und bei der intensiven Fleischproduktion das Tierwohl nicht gewährleistet wird. Unter denjenigen, die sensitiv auf diese Belange reagieren, haben sich in Bezug auf Fleischkonsum zwei Bewegungen herauskristallisiert: sich vegetarisch/vegan ernährende Personen und solche, die ethisch Fleisch essen. Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass sie Fleisch nur konsumieren, wenn seine Herstellung gewisse moralische Standards erfüllt. Sie sind der Überzeugung, dass das Leid der Tiere in konventionellen Mastsystemen das Problem darstellt. Mit der Tatsache, dass Tiere für den Verzehr getötet werden, haben sie weniger Schwierigkeiten. In der Schweiz macht der Anteil von Produkten mit hohem Tierwohlstandard nur 10 bis 15% aus. Es lässt sich vermuten, dass Personen, die ethisch Fleisch essen, die Hauptkonsumierenden dieser Produkte sind.

Berichte über fragwürdige Zustände in einigen Tierhaltungssystemen haben die Bürger und Bürgerinnen aber sensibilisiert. Sie fordern die Landwirtschaft auf, dem Tierschutz mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Tiere sollen unter Bedingungen gehalten werden, die den natürlichen Bedingungen so nahe wie möglich sind. Jedoch wird die intensive Nutztierhaltung durch den Kauf entsprechend produzierter Fleischwaren weiterhin unterstützt. Dies im Gegensatz zu den Antworten, die Befragte in Umfragen geben, in denen sie dem Tierwohl mehr Gewichtigkeit geben als bei der Entscheidung an der Ladentheke (auch bezeichnet als Attitude-Behavior-Gap). Für diese Diskrepanz zwischen kommunizierten Werten und dem Kaufverhalten gibt es eine Reihe von möglichen Gründen. Dazu gehören die bereits erwähnte Abgrenzung zwischen Fleischkonsum und Tierleid durch Rechtfertigungsstrategien. Auch ein mangelnder Glaube, Veränderungen durch das eigene Kaufverhalten bewirken zu können und die fehlende Sichtbarkeit der leidenden Tiere hinter verschlossenen Toren sind Gründe.

Leider ist häufig auch das Tierwohl weniger wichtig als der Preis der Produkte. Wenn zudem der Eindruck besteht, dass die konventionelle Tierhaltung im eigenen Land bereits sehr positiv zu bewerten ist, sehen viele keine Veranlassung die teureren Tierwohlprodukte zu kaufen. Dieser Eindruck ist mitunter zurückzuführen auf mangelnde Transparenz bei der Fleischproduktion und wird gefördert durch beschönigende Werbung.

Ausblick

Viele Aspekte rund um einen problematischen Umgang mit Tieren, dem Dulden (oder aktiv zufügen) von Leid und Schmerz und Rechtfertigen unmoralischen Verhaltens, sind das Ergebnis kultureller Normen. Denn Kultur formt, unser Denken über die Tiere und wie der Mensch sich ihnen gegenüber positioniert. Häufig werden die eigenen Bedürfnisse und Interessen über die des Tieres gestellt, mit der Konsequenz, dass Tierleid gefördert wird. Dies nicht nur im Bereich der Nutztiere, sondern auch in anderen Bereichen in denen sich der Mensch Tiere zunutze macht (Wildtiere, Heimtiere, Versuchstiere).

Verschiedene persönliche Bedürfnisse und Überzeugungen prägen das Konsumentenverhalten und damit auch den Fleischkonsum. Für einen Teil der Konsumierenden ist tierfreundliche Produktion massgebend für die Kaufentscheidung. Für einen anderen Teil ist es der Preis, ungeachtet der Tierhaltung und Herkunft der Produkte.

Die Konsumierenden müssen entscheiden wieviel Tierwohl sie haben möchten. Die erwähnten psychologischen Mechanismen und unser teilweise unreflektiertes (Konsum-)verhalten verhindern aber eine stärkere Änderung der Produktionssysteme hin zu mehr Tierwohl. Daher scheint es unumgänglich zu sein, entsprechende Regulierungen zu schaffen, damit tiergerechte Produktion zum Standard wird.


Quellen

  • Dhont, K., & Hodson, G. (Eds.). (2019). Why we love and exploit animals: Bridging insights from academia and advocacy. Routledge.
  • Rothgerber, H. (2015). Can you have your meat and eat it too? Conscientious omnivores, vegetarians, and adherence to diet. Appetite, 84, 196-203.
  • Loughnan, S., Bastian, B., & Haslam, N. (2014). The psychology of eating animals. Current Directions in Psychological Science, 23(2), 104-108.
  • Xu, C., Hartmann, C., & Siegrist, M. (in prep.). The impact of information about animal husbandry systems on consumers’ choice of meat products in a virtual supermarket.